Koexistenzen und Konflikte : die Entwicklung der protestantischen Gemeinden in der katholischen Reichsstadt Aachen an den Grenzen des Alten Reiches (1645-1794)

Richter, Thomas; Roll, Christine (Thesis advisor); van Veen, Mirjam G. K. (Thesis advisor)

Bonn : Dr. Rudolf Habelt (2021)
Buch, Doktorarbeit

In: Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 190
Seite(n)/Artikel-Nr.: 374 Seiten : Illustrationen, Karten

Dissertation, RWTH Aachen University, 2019

Kurzfassung

Während die Aachener Konfessionsgeschichte von der Mitte des 16. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts gut erforscht ist – zuletzt konnte die Dissertation von Thomas Kirchner das alte Narrativ der ‚Aachener Wirren‘ erfolgreich relativieren – trifft dies auf die anschließende Phase zwischen dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und dem Beginn der französischen Besetzung Aachens nicht zu. Die wenige deutschsprachige Literatur, die sich mit Fragen des konfessionellen Zusammenlebens in dieser Periode beschäftigt hat, formulierte zumeist eine Geschichte des unterdrückten protestantischen Daseins ‚unter dem Kreuz‘ als einer Zeit ständiger Gewalterfahrung durch Übergriffe auf dem Kirchweg nach Vaals. In diesem niederländischen Ort war seit 1649 öffentlicher reformierter Gottesdienst im Schutze der Generalstaaten möglich geworden. Erst der niederländischen kirchenhistorischen Forschung (W. Munier) gelang die – in Deutschland wenig rezipierte – Differenzierung ‚der‘ Aachener Protestanten in deutsch- und französischsprachige Reformierte, Lutheraner und Mennoniten, die ihre jeweiligen Gotteshäuser in Vaals besuchten. Meine Dissertation stellt heraus, dass die Bewegungsspielräume der verschiedenen Gemeinden in Vaals in hohem Maße vom Schutz der Generalstaaten abhingen. Die Frage, wer an welchem Ort und zu welcher Zeit in welchem Maße in Vaals Gottesdienst feiern durfte, entschied sich mittelbar durch Friedensschlüsse auf europäischer Ebene. Daher folgt die Arbeit auch der für die deutschsprachige Forschung sonst ungewohnten Phasierung all jener Verträge, in welche die niederländische Republik involviert war. Dabei zeichnet sie nach, in welchen Formen sich die Gemeinden diesseits und jenseits der Grenze institutionalisierten. Besondere Aufmerksamkeit gilt einer mehrjährigen Phase des exercitium religionis publicum in der Aachener Innenstadt hervor, die von der Forschung und der protestantischen Eigenüberlieferung – stellenweise bewusst – aus dem historischen Gedächtnis eliminiert wurde (C.W. Vetter). Schließlich stelle ich die These auf, dass das 18. Jahrhundert hinsichtlich der protestantisch-katholischen Verhältnisse in Aachen keineswegs eine Phase dauerhaften Unfriedens und unablässiger Gewalt bildete, wie es zuletzt von der angelsächsischen Forschung gesehen wurde (B. Kaplan). Vielmehr stellt sich das 18. Jahrhundert in Aachen, Burtscheid, Eupen und Vaals als eine Phase innerer und äußerer Ruhe und einer wachsenden konfessionell enger werdenden Koexistenz dar – nicht nur zwischen den verschiedenen protestantischen Bekenntnissen, sondern auch in den protestantisch-katholischen Beziehungen. Diese Jahrzehnte der friedlichen konfessionellen Koexistenz wurden allerdings gelegentlich und stets anlassbezogen durch Eruptionen von Gewalt unterbrochen. Als Trägergruppe lässt sich dabei die bildungsferne, teils bäuerliche, katholische Unterschicht identifizieren. Das Potenzial, die Gemeinden zu spalten oder zu schwächen, hatten diese Konflikte jedoch zu keinem Zeitpunkt. Das Hauptrisiko in dieser Hinsicht bestand vielmehr in innergemeindlichen Streitigkeiten, die sich um alltägliche Dinge wie die Kollektensammlung der Konsistorialen, den Schulbesuch der Kinder oder den Wohnort des Predigers drehten. Zu diesen Erkenntnissen kommt die Dissertation maßgeblich durch eine neue Quellenbasis. Die bisherige deutschsprachige Forschung verwendete zumeist die reichsstädtische Überlieferung. Hierdurch musste zwangsläufig eine Konfliktgeschichte entstehen, da die städtische Obrigkeit nur dann Akten über die protestantischen Gemeinden produzierte, wenn sie zum Eingreifen gezwungen war – beispielsweise durch gewalttätige Konflikte. Hingegen liegen meiner Dissertation die Protokolle der Sitzungen der Konsistorien zugrunde. Diese Mitschriften von behandelten Punkten und Beschlüssen der jeweiligen Kirchenräte geben minutiös die Innensicht der Gemeinden wieder. Dadurch erhält man tiefe Einblicke in die alltäglichen Themenfelder der Gemeindeleitungen einerseits und deren Grundsatzprobleme andererseits. Erstmals wird dabei die Überlieferung aller Gemeinden ausgewertet, die ihre Gottesdienste in Vaals feierten. Die Umkehrung der Quellenbasis von der obrigkeitlichen auf die gemeindliche Überlieferung ermöglicht einen Perspektivwechsel: Statt den Blick auf die Gemeinde zu richten, richtet sich nun der Blick aus der Gemeinde heraus. Dies ermöglicht das Schreiben einer ‚neuen Gemeinde(n)geschichte‘, die der Komplexität der intra- und interkonfessionellen Verhältnisse in der katholischen Reichsstadt Aachen gerecht wird. (c) Thomas Richter, 2019

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